Aufstellungsarbeit – vom Problembild zum Lösungsbild

Dr. Erich C. Schenk

Aufstellungsarbeit ein phänomenologisches Verfahren? Ein theoretischer Diskurs aus der Sicht von Psychodrama, Familientherapie, Integrativer Gestalttherapie und Psychoanalyse.

Die Entwicklung der Psychotherapie und eine epistemologische Betrachtung im Rahmen der Psychotherapieforschung zeigt, daß schulenübergreifende Methoden immer mehr an Bedeutung gewinnen. Die vorliegende Arbeit versucht die Aufstellungsarbeit Bert Hellingers, abseits von Diskussionen um die Person, sachlich und im Vergleich mit anderen psychotherapeutischen Methoden, zu betrachten. Mögliche theoretische Grundlagen und zugrundeliegende Theorien aus anderen therapeutischen Schulen ergeben plausible Erklärungen bzw. nachvollziehbare Argumente. Gleichzeitig werden auch die Grenzen einer ausschließlich empirisch analytischen Psychotherapieforschung sichtbar und können mit einer erkenntnistheoretischen Betrachtung wohl Erklärungen jedoch keine „Beweise“ erbracht werden. Betrachten wir nun die Familienaufstellung entsprechend der gewählten Segmentierung, ergeben sich nachstehende Schlußfolgerungen:

Die Vorbereitung der Gruppe

Der erste „Akt“, die Vorbereitung der Gruppe, unterscheidet sich nicht von anderen gruppentherapeutischen Seminaren und entspricht den ethischen und theoretischen Annahmen einer zeitgemäßen Gruppenpsychotherapie.

Das Vorgespräch

Das Vorgespräch zur Abklärung der Problemsicht und der erwarteten Ziele entspricht ebenfalls der gängigen Praxis in anderen Therapieschulen, wenn gleich hier ein “lösungsorientierter Ansatz”, wie er speziell in der systemischen Familientherapie etabliert ist, zum Einsatz kommt.

Die Betrachtung der Familie

Die Betrachtung der Familie als System entspricht mehreren theoretischen Konzepten. So beschreibt schon in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts Kurt Lewin den Zusammenhang zwischen individuellem Handeln und Einfluß durch die soziale Gruppe. Die Systemtheorie und die Kybernetik liefern wertvolle Hinweise auf die Wechselwirkung (vgl. rückgekoppelte Systeme) zwischen den Systemmitgliedern und dem Gesamtsystem.

Vor allem die Erkenntnis, daß die Muster im Sinne von Gesetzmäßigkeiten des rückgekoppelten Systems und nicht der individuelle Input, das bestimmende Element darstellen, bestärkt die Annahme der Familienaufstellung, daß durch eine Veränderung der Verhaltensmuster eine Veränderung des dysfunktionalen Systems erreicht werden kann. So wird im “Problembild” eine Abbildung der vorherrschenden Beziehungsstruktur sichtbar gemacht, um dann im veränderten “Lösungsbild” das veränderte Beziehungsmuster erlebbar zu machen.

Die Ordnung von Systemen

Die Annahme, daß Systemen gewissen Ordnungen zugrunde liegen, teilt die Methode der Familienaufstellung mit der Familienrekonstruktion Satirs und der kontextuellen Therapie Borszomeny-Nagys.

Borszomeny-Nagy hat vierzig Jahre vor der Etablierung der Familienaufstellung auf Basis seiner Forschungen mit psychiatrischen Patienten solche “Grundordnungen” in Familiensystemen beschrieben. Auch das Konzept des “Kosmos” als eines schöpferischen Prozesses, in welchen alle Individuen eingebunden sind, impliziert die Annahme, daß es “Ordnungen” gibt die dem individuellen Entwurf voraus gehen.

Die Ausführungen Varga v. Kibéds, welcher die sogenannten Grundordnungen der Familienaufstellung mit einer natürlichen Ordnung vergleicht, welche unzweifelhaft notwendig ist um Systemen die Existenz, Wachstums- und Fortpflanzungsfähigkeit, Immunsystembildung und Individuation zu sichern, scheinen hier besonders plausibel. (So ist es durchaus nachvollziehbar, daß die sogenannte “Ursprungsordnung” einer natürlichen Ordnung zum Systemerhalt entspricht etc.).

Auch der phänomenologische Ansatz Merleau-Pontys, bietet konzeptionelle Anknüpfungspunkte, indem er Sinn, Struktur, Zusammenhang (Ordnung) als in der Welt „inkarniert“ sieht und nicht als etwas, das ein Bewusstsein in die Welt hineinlegt.

Die Wahrnehmungen

Der wahrscheinlich strittigste Aspekt der Familienaufstellung ist die Erklärung für die Wahrnehmungen, welche im Prozeß der Aufstellung durch die Stellvertreter und den Leiter erlebt werden.

Morenos “Tele” als elementares Verhältnis zwischen Individuen und “Interpsyche” als “System gemeinsamunbewusster
Zustände” könnten eine mögliche Antwort darstellen.

Auch die Integrative Gestalttherapie bietet mit dem Konzept der “Atmosphäre” als dem jeweiligen phänomenalen Klima einer Situation (Szene), welches „am eigenen Leib“ erfahren wird, eine Erklärung. Ein relativ weitreichendes Erklärungsmodell für diese Fragestellung liefern die Forschungen Rupert Sheldrakes, welcher das Vorhandensein morphogenetischer Felder als „Speicher“ von Systemwissen beschreibt. Diese Annahme und seine Beschreibung einer “morphischen Resonanz”, welche das Abrufen dieses Systemwissens ermöglicht, kommt den Erfahrungen der Aufstellungsarbeit am nächsten. Merleau-Pontys “Phänomenologie des Leibes”, die den “Leib” als Bedingung der Möglichkeit der Wahrnehmung und damit der Erkenntnis setzt, bietet die Grundlage für eine erkenntnistheoretisches Verständnis des Erlebens der Repräsentanten in Aufstellungen.

Zusammengefaßt kann also festgestellt werden, daß für die in der Aufstellungsarbeit wahrgenommenen Phänomene nachvollziehbare Erklärungsmodelle gibt, der naturwissenschaftlichen Beweisbarkeit entziehen sie sich aber bisher weitgehend.

Rituale und Lösungsansätze

Die Anwendung von Ritualen und Lösungssätzen entspricht wiederum der Praxis auch in anderen Therapierichtungen. Besonders die Erkenntnis über die Wirkung von Musterunterbrechungen, wie sie die Systemtheorie beschreibt und wie sie vor allem in der systemischen Therapie Anwendung findet, läßt die Anwendung von Ritualen als gezielt eingesetzte Musterunterbrechung bzw. Anwendung neuer Muster plausibel erscheinen.

Die Verwendung von Lösungssätzen scheint vor allem in Hinblick auf das “Konzept der Sprache als Konstruktion von
Wirklichkeit” nachvollziehbar. Die Lösungssätze ermöglichen überdies die Resymbolisierung verdrängter Situationsanteile im Sinne des “Konzepts des szenischen Verstehens” nach Lorenzer.

Externalisierung und Internalisierung

Findet bei der Aufstellung des “Problembildes” eine Externalisierung des inneren Bildes der erlebten, möglicherweise dysfunktionalen Beziehungsstruktur des Systems statt, so ermöglicht die Konstellation des “Lösungsbildes” eine Internalisierung eines erlebten, funktionalen Beziehungsbildes; ein Vorgang, welcher auch in anderen anerkannten Therapierichtungen stattfindet.

Eine Wirksamkeit im Sinne einer Verbesserung des Zustandes der Klienten wurde in einer empirischen Studie von Höppner belegt.

Wirksamkeit der Familienaufstellung

Fassen wir die angeführten Rückschlüsse zusammen, können wir davon ausgehen, daß die Familienaufstellung über einen plausiblen theoretischen Hintergrund verfügt und als therapeutische Intervention wirksam ist. Festzuhalten ist auch, daß sich das Familien-Stellen in seinen Einzelinterventionen weder in den zugrundeliegenden Theorien noch in seiner methodischen Vorgangsweise wesentlich von herkömmlichen therapeutischen Ansätzen unterscheidet.

Eine höhere Wirksamkeit konnte bisher nicht bestätigt werden. Unter diesem Aspekt sind auch die extremen Auseinandersetzungen von „Dogmatikern“ und radikalen Gegnern kritisch zu betrachten. Vielmehr stellt die Familienaufstellung eine schulenübergreifende Methode dar, und kann einen hilfreichen Beitrag zu einer Annäherung der unterschiedlichen Therapieschulen hin zu einer universellen Psychotherapie leisten.

Eine Herangehensweise im Sinne einer “Antibiotika-Wirkung” („Ich mache eine Aufstellung und brauche mich nicht weiter mit mir und meinem Problem auseinanderzusetzen, die Wirkung stellt sich von selbst ein“) – wie sie manchmal propagiert wurde – ist unter diesen Gesichtspunkten nicht nachvollziehbar und abzulehnen.

Eignung des Therapeuten

Gehen wir davon aus, daß Familienaufstellung ein sinnvolles therapeutisches Vorgehen darstellt, darf nicht auf eine spezielle Eignung der durchführenden Therapeuten verzichtet werden.

  • Eine fundierte psychotherapeutische Ausbildung und langjährige, solide klinische Erfahrung sind Grundvoraussetzung.
  • Eine realistische Einschätzung der eigenen Fähigkeiten und Grenzen, sowie die Vertrautheit mit typischen Neigungen und blinden Flecken, der Dynamik von Übertragung und Gegenübertragung, also eine eingehende Selbsterfahrung sind für „Aufsteller“ ebenfalls unerläßlich.
  • Eingehendes Studium der Methode, ausreichende teilnehmende Beobachtung und eine Fortbildung im “FamilienStellen” sind selbstverständliche Anforderung.

Schließlich beschreibt Albrecht Mahr die Aufstellungsarbeit als eine Sache der zweiten Lebenshälfte, wo Ehrgeiz und Selbstbestätigung zurückgestellt werden können und Platz machen um sich in den Dienst der Aufgabe zu stellen. Ein Anspruch welcher in der Psychotherapie generell Gültigkeit hat.

Dem sehr umfassenden Überblick über Zusammenhänge und mögliche Erklärungsmodelle dieser Arbeit, könnte eine spezifische Diskussion einzelner Grundannahmen vor dem Hintergrund vorhandener Konzepte folgen.