Brauchen wir eine Wissenschaft oder weiß das wissende Feld alles?

Dr. Erich C. Schenk

Eine Frage die ich spontan mit ja beantworten möchte, welche bei eingehender Auseinandersetzung aber weitere Fragen nach sich zieht, deren Beantwortung dann weitere offene Fragen aufwirft.

Vielleicht schon ein Hinweis auf die Folgen welche eine wissenschaftliche Betrachtung der Aufstellungsarbeit zeitigt und gleichzeitig ein mögliches Hindernis, für eben diese. Entspricht es doch unseren Vorstellungen, und wohl auch dem Zeitgeist, Antworten, möglichst eindeutig, parat zu haben und uns und unsere Umgebung nicht durch weitere Fragen zu verunsichern.

Meine Mutter, nach Eigendefinition ein Medium, welche in dieser Form der Eigenwahrnehmung schon viel Gutes vollbracht hat, versucht mir von Zeit zu Zeit Ihren „übersinnlichen“ Erfahrungsschatz zum Nutzen meines Glücks näherzubringen.

Auf meine kritische Resonanz, etwa zur Sichtweise die ganze Welt (Universum eingeschlossen) sei Energie oder über das Vorhandensein der verstorbenen Seelen, pflegt sie zu antworten: „das ist so, ich weiß das“. Mein abermals kritischer Einwand, daß ich zwar geneigt bin dies oder ähnliches so zu glauben aber daß wir das niemals wissen können wird dann mit dem milden Urteil des erhaben Wissenden über den Unwissenden quittiert.

 

„Das ist so ich weiß das“

Wie oft habe ich schon Aufsteller eben diesen Satz sagen gehört wenn sie, sich auf ein wissendes Feld berufend, Interpretationen des Geschehens im Rahmen einer Aufstellung oder die, vor allem von Bert Hellinger geprägten Erklärungen über die dahinterliegenden Vorgänge, unantastbar festschreiben wollten. „Das ist so ich weiß das“

Hier wird interpretierte Erfahrung, und Konstruktivisten wissen wie diese zustande kommt, mit Wahrheit und Wissen gleichgesetzt.
Neben dem Bestreben nach eindeutigen Antworten orte ich auch eine tief verwurzelte Abneigung gegen wissenschaftliche Betrachtung, entstanden aus einer in der Aufklärung begründeten und vor allem im vorigen Jahrhundert hochgehaltenen Gleichsetzung von Wissenschaft mit Naturwissenschaft und hier speziell mit empirischer Forschung.
Hier wäre eine Revision des vorherrschenden Wissenschaftsbegriffes angebracht zumal ein empirischer Zugang zu psychotherapeutischen Verfahren zu Recht als unzulänglich anzusehen ist.

Kritisiert wird vor allem dass empirische Forschung nicht mehr als Wirksamkeitsforschung sein kann und den dahinterliegenden Prozess, den Einfluß des Beziehungssystems, der soziokulturellen Komponenten etc. außer acht läßt. (vgl. Deissler K.G. / Zitterbarth W. 1995)

Dem Argument die Aufstellungsarbeit sei zu komplex und die spirituellen Resultate seien zu subtil um wissenschaftlich erforscht zu werden, muß entgegengehalten werden, dass, wäre die Aufstellungsarbeit zu komplex um wissenschaftlich erforscht zu werden, müßte sie auch zu komplex sein um wirksam praktiziert zu werden. Oder anders formuliert:

 

Wenn wir in der Lage sind Aufstellungsarbeit wirksam zu praktizieren, und davon ausgehen daß unser Handeln positive Effekte zeitigt müssen wir auch in der Lage sein, unser Tun in systematischer Weise zu beschreiben.

Gleichzeitig ist nicht klar, was die Wissenschaftlichkeit der Theorien ausmacht. Wäre es die Empirie so müßte die Frage gestellt werden, wie z.B. die pränatale Psychologie empirisch vorgehen könnte und wie etwa unbewußte Prozesse empirisch faßbar gemacht werden können? Selbst wenn es möglich wäre klarzustellen was Empirie im Bereich des Psychischen bedeutet, müßte geklärt werden, ob Überprüfbarkeit Verifikation der Theorie oder ihre Falsifizierbarkeit bedeutet.

Es stellt sich also die Frage wie die Wissenschaftlichkeit der psychotherapeutischen Theorien abgesichert werden könnte.

„Durch ihre innere Konsistenz oder Vollständigkeit? Und wenn ja, heißt Konsistenz Widerspruchsfreiheit, oder mehr das Begreifen und Verbinden der Widersprüche usw.? Und was heißt Vollständigkeit? Wo hört das Seelenleben auf? Ist Seelenleben „Innerpsychisches“ losgelöst von allem, was mit Beziehung zu anderen Menschen, Gruppen, Systemen wie Organisationen, bzw. der Gesellschaft zu tun hat?“ (Buchinger K. 1995 S 780)

Zusammengefaßt ergeben sich daraus gravierende Einwände gegen die vereinfachenden Antworten empirischen Vorgehens, wenn sie nicht in eine umfassendere Betrachtungsweise eingebettet sind.
Hier wird klar, daß ein wissenschaftlicher Zugang zur Aufstellungsarbeit, neben empirischer Evaluation ein wesentliches Augenmerk auf qualitative Forschung erfordert.
Hier möchte ich einige der 27 Thesen von Baumann wie sie auch der Psychotherapiebeirat des Ministeriums für Soziale Sicherheit und Generationen, seinen Beurteilungen zur Wissenschaftlichkeit der Psychotherapie zugrundelegt näher bringen.

  1. Wissenschaftlichkeit ist nicht in sich gegeben, da unterschiedliche Bezugssysteme der Wissenschaftlichkeit vorliegen; es gibt nicht “die Wissenschaftstheorie”
  2. Der Vergleich unterschiedlicher wissenschaftlicher Ansätze ist nur in einem einheitlichen wissenschaftstheoretischen und methodischen Bezugssystem möglich.
  3. Für die Beurteilung von Interventionssätzen ist die wissenschaftstheoretische Unterscheidung zwischen nomologischem und technologischem Wissen wesentlich.
  4. Für technologische Regeln ist der Nachweis der Wirksamkeit und nicht der Theoriereichtum zentral. Technologien sind primär aufgrund der Wirksamkeit wissenschaftlich begründet.
  5. Technologien sind neben der Wirksamkeit durch weitere Kriterien fundiert:
    a. technologische Kriterien der Effizienz und Praxisbewährung
    b. ethische Begründung
    c. theoretische Begründung
  6. Die Frage nach der Wissenschaftlichkeit ist nicht kategorial (ja / nein), sondern komplex zu beantworten.
  7. Primär können nur einzelne Technologien (Interventionsformen), nicht Zusammenfassungen von Technologien in Form von Therapieschulen beurteilt werden.
  8. Technologien sind allgemeine Handlungsanweisungen, die das praktische Handeln partiell und nicht insgesamt begründen.
    (Persönliche Berufserfahrung ist ein wesentliches Element der Praxis; die Kompetenz, das Wissen in der konkreten Situation umzusetzen, ist ein wesentlicher Qualitätsfaktor)
  9. Die therapeutische Beziehung kann nicht gegen technologisches Wissen ausgespielt werden; beide Aspekte bedürfen getrennter Evaluation und Schulung.
  10. Qualitätssicherung beim konkreten Handeln muss sich auf Technologie und den Therapeuten beziehen.

Zur Wirksamkeit von Therapieverfahren

  • Es gibt nicht “die Wirksamkeit”, Wirksamkeit ist ein komplexes Konstrukt, das präzisiert werden muß.
  • Wirksamkeit ist multimodal, abhängig von einer Zeitachse (Prozess) und bezüglich eines Vergleichsmaßstabes zu sehen.

Betreffend Effizienz und Patientenzufriedenheit

  • Effizienz und Patientenzufriedenheit stellen ein wesentliches Evaluationskriterium dar.

und abschließend:

  • Die zusammenfassende Bewertung der Wissenschaftlichkeit kann nur in einer wissenschaftlichen Diskussion erfolgen, bei der auch Evaluationsexperten, die nicht “Partei” sind, wesentlich mitentscheiden. Aufgrund der Dynamik der Befundlage sind
    Entscheidungen zeitlich zu limitieren. (Baumann U., 1999)

Als einen möglichen Zugang und um vielleicht das Interesse an einer wissenschaftlichen Betrachtung der Aufstellungsarbeit zu wecken möchte ich ein erkenntnistheoretisches Modell näher bringen, wie es von Pieringer (Pieringer W. 1995) propagiert wird.

Entgegen streng naturwissenschaftlichen bzw. biologisch-physikalischen Konzepten geht Pieringer den Weg einer Epistemologie und formuliert drei wissenschaftstheoretische Besonderheiten der Psychotherapie wie sie auch für die Aufstellungsarbeit gelten können.

  1. Die Theorie der Wissenschaft entspricht innerhalb der Psychotherapie auch der Methode der Erkenntnis.
    Anders als in anderen Wissenschaften ist eben im Rahmen der Psychotherapie der Gegenstand der Forschung der sich selbst erkennende Mensch. Die wissenschaftstheoretischen Leitlinien der Methode und der Erkenntnisprozess des Patienten erweisen sich als Philosophie und Heilung zugleich.
  2. Spezifisch für die Psychotherapie in der Medizin ist ihre Orientierung auf eine Gesamtdiagnose. Psychotherapiegemäße Diagnose ist und muß “bio-psycho-soziale Diagnose” sein. Erst die Zusammenschau der verschiedenen Perspektiven läßt eine Annäherung an das jeweils spezifische und einmalige Wesen des erkrankten Menschen zu.
    Die gemeinsame Beachtung des psychischen, des somatischen und des sozialen Befundes können das spezifische Wesen umreißen.
  3. Die Einheit von Diagnose und Therapie. Für alle Psychotherapiekonzepte gilt, daß in dem Maße, in dem der Therapeut
    den Patienten erkennt, der Patient sich zu erkennen gibt und sich selbst erkennt, Diagnose zur Therapie wird. (vgl. Pieringer W., 1995 S 762)

Bei der Frage zur Wissenschaftlichkeit, und davon wird immer noch die Richtigkeit und Legitimation eines Heilverfahrens abgeleitet, stellt sich die Frage was verstehen wir unter Wissenschaftlichkeit?

Nach Hahn (Hahn P. 2000) sind Wissenschaften zu beschreiben durch ihre Gegenstände, Methoden und Ergebnisse. Nach Popper lässt sich als wissenschaftlich:

„…- eine nur dem Menschen mögliche Denk- und Handlungsweise bezeichnen, die in der prinzipiellen Bereitschaft zur Offenheit und Fähigkeit zur Kritik, zur permanenten gefühlsmäßigen und rationalen Überprüfung, Korrektur und Veränderung des Erkannten besteht, und die auch die Festlegung auf das „Erkannte und Bewiesene„ nur im Sinne einer bestimmten Form von Vorläufigkeit akzeptiert.“ (Hahn P., 2000 S 49 )

Betrachten wir die Psychotherapieforschung, wie auch die therapeutische Praxis als erkenntnisgenerierenden Prozeß so liegt es nahe die vier basalen Erkenntnistheorien als Grundlage einer wissenschaftlichen
Betrachtung heranzuziehen.

Kybernetische Modellbildung nach Hahn

kybernetische-modellbilung

Methodenlehren und ihre Interdependenzen in der Medizin, aus Hahn. P. Wissenschaft und Wissenschaftlichkeit in der Medizin, in Pieringer / Ebner, Zur Philosophie der Medizin, 2000

1. Die phänomenologische Methode

Mit Bezug auf Husserl geht es dabei um eine radikal vorurteilsfreie Erkenntnis welche in der Wesensschau, der Enthaltung jeglicher Seinsstellungnahme ihren Ausdruck findet. Merleau-Ponty bietet uns mit dem Laib als inkarniertem Subjekt und der damit für alle menschlich verkörperten Wesenmöglichen „erfahrbaren Wahrheit“ eine nützliche Betrachtungsweise.

Die Beobachtung dessen was wir „wissendes Feld“ nennen mit der phänomenologischen Methode unter Einhaltung der eidetischen Reduktion, der Enthaltung jeglicher Stellungnahme und Interpretation liegt hier nahe. Die Deutungen und Folgerungen aus dem Wahrgenommenen mit Phänomenologie zu rechtfertigen ist hier jedoch unzulässig und müsste als unwissenschaftlich bezeichnet werden.

„Auf dem Grunde einer Natur, die ich mit dem Sein gemein habe, bin ich fähig, in bestimmten Augenblicken des Seins einen Sinn zu entdecken, ohne ihn ihnen selbst …erst verliehen zu haben.“

Hier noch ein Zitat von Pieringer:
„Vermutlich wirklich nur über die phänomenologische Erkenntnismethode können wir die Not und Sehnsucht des existentiell Erkrankten mitfühlend schauen und damit für ihn zu einem existentiell daseienden Begleiter werden.“
und weiter:
„Der Erkenntnisweg der Phänomenologie schaut nämlich nach jener existentiellen Seinsdimension des Lebens, welche jenseits von Gut und Böse, jenseits von Schmerz und Verzweiflung und jenseits von zeitlicher Lebensorientierung Urphänomene der menschlichen Existenz offenbart.“ (Pieringer W., 1995)

Es geht also um die existentielle Dimension menschlichen Leidens, jenseits irdischer Wertung und linearer Zeitdimension, Gesundheit wird nicht als Gegensatz von Krankheit gesehen sondern als sinnsuchende Wertung, als soziale Personalisation.

Eine phänomenologische Betrachtung der Aufstellungsarbeit, welche das Prinzip der Enthaltsamkeit von Urteilen (Husserl) beachtet, läßt es demnach auch nicht zu Phänomene im Rahmen einer Aufstellung mit historischen Fakten gleichzusetzen, ebenso wie Einhaltung der Evidenz, als Übereinstimmung der Analyse mit der subjektiven Wahrnehmung, es ausschließt daß ein Aufstellungsleiter eine andere Evidenz beanspruchen kann als der Klient oder Protagonist.

2. Die dialektische Methode

Dialektik bedeutet im ursprünglichen Sinn, durch die Methode der Rede und Gegenrede Widersprüche zu erkennen, aufzulösen und so zur Wahrheit zu gelangen. Der dialogische Philosoph Martin Buber bindet bewußte Ich-Erkenntnis an das Du und meint: „Alles wirkliche Leben ist Beziehung“ (9 Buber M. 1962)
Beachten wir in einer dialogischen Betrachtungsweise der Aufstellungsarbeit daß ein, wie es Habermas beschreibt, moralbegründeter Diskurs nicht unter Zwang oder aus strategischen Gründen geführt werden kann, ergibt sich für die Aufstellungsarbeit ein wertvoller Beitrag im Erfassen des strukturellen Wesens eines Leidens und im therapeutischen Verstehen, Erkennen und Bewältigen einer Erkrankung.

3. Die empierisch-analytische Methode

Die empirisch-analytische Erkenntnismethode als Möglichkeit zur kritischen Erfassung einer äußeren objektiven Form des Betrachtungsgegenstands braucht hier nicht näher beschrieben werden. Gegen oft vertretene Absolutheitsansprüche von Empirikern sei Karl Popper in Erinnerung gerufen der uns nahe legt, um Erkenntnisse positiv zu rechtfertigen gelte es sie konsequenter Kritik auszusetzen.
In der Aufstellungsarbeit ist uns dieser Erkenntnisweg hilfreich, wenn bereits Erkenntnisse oder Vermutungen mit phänomenologischen und dialektischen Methoden gewonnen wurden. Hier kann sie, neben der Objektivierung von Ausmaß und Bedingungen menschlichen Leidens, auch wertvolle Hinweise über die Wirksamkeit unseres Tuns liefern.

4. Die hermeneutische Methode

Die Hermeneutik als „Kunst der Auslegung“ gilt als Methodenlehre aller Geistes- und Kulturwissenschaften und bildet hier einen Gegensatz zur Naturwissenschaft. Sie ist uns hilfreich als Methode der Interpretation bei der persönlichen Auslegung der „Mitteilungen“ der Klienten und ihre Ziele aus ihrer Lebensgeschichte heraus zu verstehen. Auch die Interpretation der Aussagen der Protagonisten über ihre phänomenologischen Wahrnehmungen, welche ja bereits subjektive, in Sprache gebrachte „Übersetzungen“ darstellen, braucht eine hermeneutische Herangehensweise.

Abschließend ein Zitat von Pieringer zur Wissenschaftlichkeit in der Therapie:

„Sie bedarf der phänomenologischen Intuition, um das wahre Wesen zu erkennen, des dialektischen Diskurses, um die persönliche Struktur zu orten, der sachlich empirischen Prüfung, um Ausmaß der Störung zu objektivieren und der herzhaft-hermeneutischen Atmosphäre zur Ermutigung zum Leben.“
„Während die phänomenologische Erkenntnismethode uns Ansichten der „Ganzheit“ eröffnet, denen es aber an realem Detail mangelt und die dialektische Methode die dynamische innere Wirklichkeit, die nie „handhabbar“ wird, erhellt, zeigt der empirisch-analytische Weg nüchterne, reale, verläßliche und überprüfbare Facetten der Welt, denen aber Sinn, Wert und Liebreiz fehlt. Erst die hermeneutische zusammenschauende Auslegung vermag zeitgemäße wissenschaftliche Erkenntnis zu erschließen.“

Meine bisherigen Betrachtungen haben meine persönliche Antwort auf die Eingangsfrage wahrscheinlich schon vorweg genommen

„Brauchen wir eine wissenschaftliche Betrachtung der Aufstellungsarbeit?“

  • Ja wenn es darum geht der Beliebigkeit mit der Alles und jedes in der Aufstellungsarbeit gerechtfertigt wird und dem Missbrauch der Phänomenologie als Erklärungsmodell für persönliche Interpretationen von Wahrheit im Rahmen von Aufstellungen Einhalt zu gebieten.
  • Ja wenn es darum geht, aus- und weiterzubilden, mit dem Anspruch der Nachvollziehbarkeit. Ausbildner und Aussenstehende müssen in der Lage sein das vermittelte Wissen, die Haltungen und Weltsichten, nachvollziehbar und reproduzierbar zu gestalten und wahrzunehmen. Wie es auch, im Zuge einer weitreichenden Qualitätsdiskussion, unumgänglich erscheint eine Möglichkeit zur Überprüfbarkeit des Vermittelten zur Verfügung zu haben.
  • Letztendlich Ja, um sich einer breiten Diskussion und oftmals berechtigten Kritik stellen zu können und als einzige seriöse Möglichkeit auf eine dauerhafte Weiterentwicklung der Methode.