Systemische Therapie & Beratung

Ein systemischer Zugang hat sich in allen Bereichen der Beratung, des Coachings, der Supervision und Therapie als hoch wirksam und effizient bewährt. Nicht die alleinige Betrachtung des Individuums und dessen intrapersoneller Disposition, sondern die Einbeziehung des systemischen / sozialen Umfeldes und den darin vorherrschenden Kommunikationsmodellen steht im Zentrum systemischer Arbeit. Nicht die isolierten Subjekte sondern die Wechselwirkungen unter den Systemmitgliedern werden als maßgebend für ein funktionales (gesundes) oder dysfunktionales Zusammenspiel angesehen. Diese Herangehensweise ermöglicht eine lösungsorientierte Problembeseitigung welche vom gesamten System getragen werden kann und damit nachhaltig wirksam ist.

Der systemische Ansatz stützt sich auf die Erkenntnisse der Systemtheorie, der Kybernetik und der philosophischen Theorie des Konstruktivismus.
Grundlage ist ein humanistisches Menschenbild, das dem Einzelnen zutraut alle Ressourcen in sich zu tragen um „sein“ Problem zu lösen und die Entwicklung des Individuums zu einer nachhaltigen Lösungskompetenz unterstützt. Virginia Satir hat den Selbstwert als wesentlichen Faktor für die Veränderungsmöglichkeit identifiziert und als wichtigen Bestandteil der Beratung einbezogen. (siehe auch: „Die fünf Freiheiten des Menschen“) Systemische Beratung ist getragen von den Grundhaltungen:
Wertschätzung, Empathie, Respekt, Kongruenz, Allparteilichkeit und Neutralität.

Nicht die Analyse des Problems sondern die Bedingungen unter denen eine Lösung möglich ist steht im Fokus der Betrachtung.

 

Systemtheorie

Mittlerweile ist es keine neue Erkenntnis mehr, daß rückgekoppelte Systeme in der Natur die Norm sind. Neurophysiologen wissen längst, daß sich nicht nur Veränderungen im Zentralnervensystem auf das Immun- und Hormonsystem auswirken, sondern daß diese >Reaktionen< auch auf das Zentralnervensystem zurückwirken. Ebenso ist es für Psychologen und Soziologen klar, daß das Verhalten von Menschen in Familien, Gruppen, Gesellschaften geprägt ist von mannigfaltigen Wechselwirkungen. Glaubte man jedoch bis in die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts, bestimmte schwache Rückwirkungen vernachlässigen zu können, so hat sich (nicht zuletzt durch die enormen Möglichkeiten moderner Computertechnik) gezeigt, daß schon geringste Ungenauigkeiten bzw. kleinste Unterschiede bei einem Einflussfaktor gänzlich unterschiedliche Ergebnisse zeitigen können. Dennoch hat die Medaille zwei Seiten: das Chaos und die Selbstorganisation.

(Aus „Vom Problembild zum Lösungsbild“ E.C. Schenk 2002)

Kybernetik

Bezugnehmend auf Norbert Wiener ist Heinz v. Foerster jener Wissenschafter, der die Prinzipien der Kybernetik am deutlichsten erklärt. Kurz gesagt, beschreibt die Kybernetik Systeme, deren Auswirkungen wiederum Einfluß auf den Prozeß haben. (vgl. H.v.Foerster Die triviale Maschine) Wesentliches Element dabei ist die Zirkularität in den beobachteten Systemen (Familie, Gesellschaft, Kultur, etc). Foerster verstößt mit dieser Theorie gegen die vorherrschenden Prinzipien des wissenschaftlichen Diskurses, wonach Objektivität heißt, Beobachter und Beobachtetes zu trennen. Dies ist aber nicht sinnvoll möglich, denn den Beobachter und dessen Eigenschaften auszublenden hieße, auch dessen Beschreibungen auszublenden. (Was bliebe dann übrig?) Demgegenüber bedeutet Zirkularität: A impliziert B, B impliziert C, C impliziert A. Oder: A impliziert B und B impliziert A. Daraus ergibt sich die Frage nach dem Funktionieren des Beobachtens und in weiterer Folge nach dem Funktionieren des Gehirns.
Folgerichtig stellt Foerster fest, daß es eines Gehirnes bedarf, um eine Theorie über das Gehirn zu schreiben. Auf die Kybernetik übertragen heißt das: „Indem der Kybernetiker sein eigenes Terrain betritt, muß er seinen eigenen Aktivitäten gerecht werden: Die Kybernetik wird zur Kybernetik der Kybernetik, oder zur Kybernetik zweiter Ordnung.“
Das bedeutet in Folge auch, daß wir uns nicht als unabhängige Beobachter betrachten können, sondern als handelnde Akteure, welche ebenso eine Rolle im Geschehen übernehmen. Foerster fügt dem ein Zitat von Humberto Maturana hinzu: „Alles Gesagte wird von einem Beobachter gesagt“ und ergänzt: „Alles Gesagte wird zu einem Beobachter gesagt“. Er stellt so eine nicht-triviale Verbindung zwischen drei Begriffen her, dem des >Beobachters<, der – in Heranziehung seiner Fähigkeit der Beschreibung – die >Sprache< benützt, um die Beobachtung mitzuteilen und dabei mit seinem Gegenüber die Keimzelle einer >Gesellschaft< bildet. Wie in der Beziehung zwischen Ei, Henne und Hahn, braucht jedes dieser Elemente die beiden anderen, um zu existieren, und es kann nicht festgestellt werden, was das erste und was das letzte ist.

(Aus „Vom Problembild zum Lösungsbild“ E.C. Schenk 2002)

Radikaler Konstruktivismus

Ernst von Glasersfeld gilt als wichtigster Vertreter des Konstruktivismus im zwanzigsten Jahrhundert, und als jener Denker, welcher den >Radikalen Konstruktivismus< etablierte.

„Der radikale Konstruktivismus beruht auf der Annahme, daß alles Wissen, wie immer man es auch definieren mag, nur in den Köpfen von Menschen existiert und daß das denkende Subjekt sein Wissen nur auf der Grundlage eigener Erfahrung konstruieren kann. Was wir aus unserer Erfahrung machen, das allein bildet die Welt, in der wir bewußt leben“ (Glasersfeld)
„Ganz allgemein betrachtet, ist unser Wissen brauchbar, relevant, lebensfähig (oder wie immer wir die positive Seite der Wertungsskala nennen wollen), wenn es der Erfahrungswelt standhält und uns befähigt, Vorhersagen zu machen und gewisse Phänomene (d. h. Erscheinungen, Erlebnisse) zu bewerkstelligen oder zu verhindern.“ (Glasersfeld)

Entscheidend ist auch, was wir als Kriterium für den Vergleich heranziehen. Ein Ei gleicht dem anderen in Form und Farbe, ist aber in seiner Konsistenz sehr verschieden, wenn das eine einen Tag, das andere einige Wochen alt ist. Die Kriterien jedenfalls, nach denen Gleichheit oder Verschiedenheit festgestellt werden sind vom erlebenden urteilenden Subjekt geschaffen. Dabei ist Gleichheit immer relativ, je nachdem, welchen Merkmalen wir besondere Bedeutung geben. Die Erfahrung von Regelmäßigkeit (welche Wiederholung voraussetzt) ist also abhängig vom Gesichtspunkt, von dem aus wir betrachten bzw. in Bezug, worauf Gleichheit erwartet wird. Glasersfeld: „Was wir erleben und erfahren, erkennen und wissen, ist notwendigerweise aus unseren eigenen Bausteinen gebaut und läßt sich auch nur auf Grund unserer Bauart erklären.“ (ebenda)
Zusammengefaßt kann gesagt werden, daß ein Bewußtsein, wie immer es beschaffen sein mag, nur auf Grund eines Vergleiches >Wiederholung<, >Konstanz< und >Regelmäßigkeit< erkennen kann. Gleichzeitig muß aber schon vor dem Vergleich entschieden werden, ob die Erlebnisse, welche verglichen werden, Vorkommnisse ein und desselben Objektes oder zweier separater Objekte sind.
Das heißt, wir entscheiden jeweils, was >existierende< Einheit ist und was als Beziehung betrachtet wird. Dadurch wird Struktur im Fluß des Erlebens geschaffen und diese Struktur ist es, welche der kognitive Organismus als >Wirklichkeit< erlebt. Nur die Tatsache, daß dies meist unwillkürlich geschieht, läßt es als Gegebenheit einer unabhängigen, selbständig existierenden Welt erscheinen.

(Aus „Vom Problembild zum Lösungsbild“ E.C. Schenk 2002)

Die fünf Freiheiten des Menschen (Virginia Satir)

  • Sagen was ich denke und nicht was ich denken sollte!
  • Sehen und hören was wirklich ist und nicht was sein sollte!
  • Fühlen was ich wirklich fühle, nicht was ich fühlen sollte!
  • Einfordern was ich will, nicht auf Erlaubnis warten!
  • Risiken eingehen ohne sich absichern zu müssen!

Wertschätzung

Anerkennung des Wertesystems in welchem sich der Klient/Klientin bewegt.
Beinhaltet alle Vorstellungen von geglückten Beziehungen, (Treue, Toleranz, Offenheit, Fürsorge …), die Bedeutung welche Religion und/oder Spiritualität einnehmen aber auch die Anerkennung bislang getätigter Lösungsversuche betreffend des Anliegens/Problems.

Ist eine affirmative(=stärkende) Haltung, welche den Klienten Wärme und Akzeptanz vermittelt.

Empathie ( = tiefes Mitgefühl )

Ermöglicht dem Berater/Beraterin emotionale Nähe zum Klienten und zu dessen Leidensdruck ohne von seiner Geschichte, seinem Problem beeindruckt zu sein.

Affirmative Haltung die Sicherheit und Geborgenheit vermittelt.

Respekt

Erfordert vom Berater/Beraterin eine selbst zu verantwortende Haltung gegenüber sich selbst und seinem / ihrem Klienten gegenüber, die es erlaubt sich und den anderen als autonome, prinzipiell berechtigte Verfasser der eigenen Lebensgeschichte zu werten.
Haltung die der Beraterin und dem Klienten Freiheit und Verantwortung für ihr jeweiliges Handeln zuspricht.
Mit einer respektvollen Haltung des Beraters / Beraterin wird gewährleistet, daß sich Klienten gemäß ihrer Möglichkeiten und Wünschen verändern können.

Kongruenz

Klienten im Beratungskontext auch in der Kommunikation ebenbürtig zu betrachten heißt:

  • wahrzunehmen inwieweit sie in ihrer Artikulation des genannten Anliegens/Problems „stimmige“ oder „ nicht stimmige“ Botschaften abgeben und sie gegebenenfalls darauf hinzuweisen.
  • wahrzunehmen und zu überprüfen inwieweit ihr Anliegen/Problem vom Berater/Beraterin richtig verstanden wurde um „stimmig“ reagieren zu können.

Allparteilichkeit

Ermöglicht der BeraterIn sich empathisch in jeden anwesenden Klienten, seine Position und Notlage einzufühlen und seine Verdienste anzuerkennen.
Haltung, die der BeraterIn ermöglicht einen Gerechtigkeitsausgleich innerhalb des Systems vorzunehmen, da jedem Einzelnen das Gefühl des persönlichen Wertes vermittelt werden kann.

Ermöglicht jede Bewertung einer Beziehungsposition durch eine entsprechende Bewertung der Position des Beziehungspartners ( früher oder später ) zu balancieren.

 

Neutralität

Sich als BeraterIn neutral zu verhalten bedeutet auch angesichts turbulenter, dramatischer Ereignisse innerhalb eines Systems die Position des Experten beizubehalten (Metaposition) um gelassen agieren zu können.

Diese Haltung verhindert, daß der Berater/Beraterin zum „Mitagieren“ im System gebracht ,bzw. zu irgendeiner Koalition verführt wird.

Gewährleistet, daß jeder anwesende Klient die gleiche Beziehung zum BeraterIn hat wie alle anderen anwesenden auch und sich der gleichen empathischen Grundhaltung des Beraters/Beraterin sicher sein kann.